Kaffeezone (Gastbeitrag von Kathrin)

Salamina

Nach fast 8 Stunden Busfahrt von Medellin (150km) sind wir in Salamina angekommen. Der Bus war alt, eng und voll. Doch nachdem wir die Stadtgrenze nach ca. einer Stunde erreicht haben, wird die Fahrt landschaftlich spannend und immer schöner: wir befinden uns in den Andenbergen der westlichen Cordillera Central.

Salamina

An Salamina müssen wir uns erstmal wieder gewöhnen. Unsere Unterkunft Hotel Colonial liegt am Parque Bolivar, Hauptplatz des Ortes mit 30.000 Einwohnern. Unser Zimmer ist groß, wir haben die Suite. Das Haus ist aus der Kolonialzeit und schon etwas in die Jahre gekommen. Die Belegschaft ist nett, beim Frühstück gibt es eine fleischlose Variante. Abends bei der Suche nach einem Restaurant merken wir schnell, dass hier der Fleischkonsum überwiegt. Aber es gibt, wie schon am Pazifik, großartigen  Fisch, besser als je zuvor gegessenen! Leider ist die Umgebung des Hotels sehr laut : hier am Hauptplatz ist Treffpunkt für jung und alt, besonders am Abend zum Feiern in den Bars. Und feiern heißt hier, dass die Musikvideos der kolumbianischen Musiker lauthals mit gegrölt werden. Es klingt furchtbar und ist echt laut, wenn man schlafen will. 

Tagsüber versuchen wir Wanderwege zu finden, leider erweisen sich die Angaben in der Alpenvereinskarte nur als Gerüchte. Wir laufen stattdessen kleine, sehr steile Straßen, versuchen uns aber auch im Gelände und landen auf matschigen Rinderwiesen.  

Der Kaffee muss bewacht werden

Am letzten Tag machen wir einen Ausflug ins Valle Samaria zu einem der wenigen Wachspalmenstandorten in Kolumbien. Diese bis zu 60m hohen Palmen gibt es nur in Kolumbien, und auch hier nur an wenigen Stellen. Sie sind sehr beeindruckend und hier in der Nähe von San Felix gibt es ein Aufforstungsprogramm für die aussterbende Palmenart. Um in das Tal zu kommen, fahren wir mit einem Willy (Jeep), vor Ort essen wir lecker vegetarisch und auf der Rückfahrt regnet es heftig. Ein sehr gelungener Ausflug!

Landschaft bei San Felix

Am nächsten Tag geht es in der Frühe mit dem Bus über Manizales nach Marsella.

Marsella

Nach insgesamt fünf Stunden Busfahrt, mit einer langen Pause am Busterminal in Manizales, kommen wir in Marsella an. Die Landschaften waren großartig, die Straße gesäumt von Bananen, Kaffeepflanzen, Regenwald und steilen Hängen sowie einzelnen Hütten, Ställen, Fincas und kleinen Ortschaften. Je südlicher und tiefer wir kommen, desto breiter sind die Seitentäler und die Kaffeeanbauflächen mehren sich. 

Kleinbus bezieht sich auch auf die Beinfreiheit

Mit Marsella erwartet uns ein kleiner Ort, der noch nicht auf Tourismus ausgerichtet ist. Wenn Touristen kommen, dann als Tagesausflug aus Pereira. Am Nachmittag schlendern wir über und um den Hauptplatz, haben ein Cerveza, suchen ein Restaurant und scheitern. Keine Flexibilität beim Speisenangebot, alle Gerichte nur mit Fleisch. Wir kaufen uns letztendlich Arepas, Tomaten, Schmierkäse und ein paar Nüsse. Zwei Cervezas runden das Mahl ab, welches wir im Hotel zubereiten können. Hotel Carmen ist eins der wenigen Unterkünfte im Ort, die Buchung klappt über die Google Maps Angaben. 

Am nächsten Tag erkunden wir im Ort den Botanischen Garten namens Alexander von Humboldt. Er ist schön angelegt und wir sind allein unterwegs. Vögel sehen wir leider nur wenige, dafür eine Art Murmeltier, jedoch viel größer als in den Alpen und weniger scheu.

Nach einer kleinen Mittagspause bei Regen, ziehen wir bei Sonnenschein noch mal los und erklimmen einen Aussichtspark am Rande der Ortschaft. Der Park ist schön angelegt und die Aussicht auf Marsella toll. Auch der skurrile Friedhof, den wir  am Vormittag noch besichtigt haben, ist zu sehen. Die Mauern des Friedhofes erinnern an die Mauern einer Schloss-Einfriedung. 

Nach der Wanderung finden wir noch ein Restaurant, was uns kurz vor vier Uhr noch ein Mittagsmenü serviert und auf unseren Wunsch nach einer fleischlosen Variante eingeht. Es war lecker und hat zusammen 10€ (40.000 COP) gekostet. 

Marsella

Noch ein Kaffee am Zentralplatz, dem Parque Bolivar, ein Cerveza zum Abschluss, und dann ins Hotel zum Packen. Wir wollen morgen um 7:00 Uhr den Bus nach Santuario nehmen, müssen dafür aber erst nach Pereira.  Von Santuario geht es noch weiter nach San Rafael, eine Parkverwaltung mit Unterkunft am Rande des Nationalpark Tatamá, wo wir etwas länger bleiben wollen. Es soll dort geführte Wanderungen in den Nebelwald geben.

Santuario

Santuario, ein kleiner Ort an der östlichen Flanke der Cordillera Occidental, nördlich von Pereira. Hier buchen wir uns in eins der beiden Hotels ein und als wäre  der Partykrach am Hauptplatz von Salamina nicht gewesen, entscheiden wir uns für das schöne Hotel Santuario Plaza. Der Name verrät es bereits, es liegt am Dorfplatz. Und wieder hält sich unser Irrglaube, dass am Sonntag sicher früh abends Ruhe einkehren wird. Nein, natürlich nicht. Am Nachmittag ein buntes Treiben mit Ehrung des Kolumbianischen Rennradfahrers William Colorado, der sich den Straßentitel der U 20 in Kolumbien gesichert hat, und in Santuario geboren wurde. Ein regionaler Nationalheld. 

Der junge Mann mit dem Hut ist William

Außerdem gibt es einen Nachmittagsgottesdienst und eine Beerdigung. Die finden wohl gerne, oder generell (?) am Sonntag statt, das haben wir in Salamina schon erlebt. Wir wandern noch etwas aus dem sehr kleinen Ort heraus, der Weg/die Straße geht extrem steil abwärts.  Auf 1,5km gilt es auf dem Rückweg wieder 200 hm heraufzusteigen. Nach einer Dusche gehts zum Essen, danach noch ein bisschen Bar-Hopping am Platz und dann mit dem Glauben, eine ruhige Nacht zu haben, ins Bett.  

Kaffee

Kaum liegen wir, geht es mit der kolumbianischen Karaoke los: je später der Abend, desto lauter die Gesänge. Die Oropax werden tiefer in die Ohren gestopft und irgendwann nach Mitternacht ist  der Spuk vorbei. Zum Glück bleibt der Verkehrslärm hier aus, der uns in Salamina fast noch mehr den Schlaf geraubt hat.  Die Nacht ist für mich um 6:30 Uhr vorbei. Aus der Kirche vis a vie erschallt aus dem Lautsprecher ein Ave Maria, das im gesamten Dorf zu hören ist. Völlig schräg! Anstatt weiter zu schlafen, plane ich am iPad unseren Aufenthalt im südlichen Teil Kolumbiens – muss ja auch mal sein. 

Kaffee-Setzlinge

Gegen Mittag starten wir eine Wanderung ins angrenzende Tal, auf dem Rückweg entlang der Straße lassen wir uns vom Bus mitnehmen. Der Mittagsregen setzt ein, kurz und kräftig. Abends wird gepackt, morgen geht es nach Pereira als Ausgang unserer Los Nevados Tour. 

Santuario

Fazit: Santuario ist der dritte Ort in der Zona Caféteria und auch hier sind wir so ziemlich die einzigen europäischen Touristen. Es ist alles 100% authentisch hier, die Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit, und an den permanenten Geräuschpegel gewöhnen wir uns langsam. Als Ausgleich leisten wir uns immer mal wieder geführte Touren in die Natur. 

Fin del Mundo

Am Eingang zum Track „Fin del Mundo“

Von Pasto sind wir über die Cordillera Central nach Putomayo in das Amozomas Tiefland gefahren. Die Straße wird auch „Trampolin del Muerte“genannt. Zwei Stunden ging es über eine abenteuerliche Piste über die Berge, doch dazu in einem anderen Beitrag mehr.

Jetzt sind wir am Rande des Amazonas-Tiefland. Unsere erste Wanderung führte uns zum Wasserfall „Fin del Mundo“, der sich 80m in die Tiefe stürzt. Von dieser Wanderung gibt es diesmal eine Fotostrecke als Inspiration.

Diese Blüte heißt beso negro (schwarzer Kuss)
Der Weg führte über sehr glitschige Felsplatten
Mehrmals musste der Fluss überquert werden
Wir tauchen in die Tiefe des Regenwalds ein
Auf dem Weg zum Wasserfall
Der „Pozo Negro“
Der Wasserfall Fin del Mundo stürzt 80m die Tiefe
Mit Seil gesichert sitzen wir am Rand des Wasserfalls
Große Ameisen begleiten uns, von denen man sich besser nicht beißen lässt

Wanderung im Parque Nacional de Los Nevados 3. Tag

Wenn man um halb neun ins Bett geht, ist man um 6 Uhr ausgeschlafen. Nachts mal auf Klo zu müssen, war schon eine Herausforderung, mit der Stirnlampe im Stockdunkeln den Weg zu finden. Am Morgen sind wir dann doch tatsächlich ausgeschlafen und ausgeruht. Es kann also auf unsere letzte Etappe unserer Nevado-Durchquerung in Richtung Salento gehen. 

Finca Argentina
Aufbruch an der Finca Argentina

Wir brechen wieder bei herrlichem Sonnenschein auf, sagen den Hühnern und Schweinen adios und wandern weiter bergab. Die anfänglich noch kühlen Bergtemperaturen werden schnell wärmer, je tiefer wir kommen. Wir durchqueren jetzt die verschiedenen Vegetationszonen der Anden, immer mehr neue Bäume kommen hinzu. Es tauchen immer mehr Blüten auf. Palmen erscheinen wieder im Wald. Von den steilen Hängen rechts von uns kommen immer mehr Flüsse, die wir auf schmalen Brücken überqueren. Der Weg bleibt schlammig, die Gummistiefel behalten ihren Wert. 

Das üppige Grün des Berg-Nebelwalds

Unser Ziel ist das Valle de Corora mit den legendären Palmas de Cera, dem Nationalbaum Kolumbiens. Sie sind in den Reiseführern meist als alleine stehende, sehr hohe schlanke Palmen zu sehen, die weit voneinander entfernt auf Grasland stehen. Dem Cocora-Valley hat dieser unökologische Standort zum beliebtesten Touristenattraktion nach Cartagena gemacht. Aber wir erfahren von unserem Führer, dass dieser Standort gar nicht artgerecht ist und die Palme zum Absterben bringen wird. Er zeigt uns die Exemplare, die auf unserem Weg: sie wachsen direkt im Wald in Nachbarschaft zu anderen Palmen und Bäumen. Sie wachsen sehr langsam und haben nach zehn Jahren noch nicht einmal einen Stamm ausgebildet. Es dauert 20 Jahre, bis sie Samen werfen kann. 

Valle Cocara mit der Palma de Cera

Das von Touristen bestaunte Valle de Cocora mit den alleinstehenden schlanken sehr hohen Palmas de Cera ist eine ökologische Katastrophe: Die samen haben keine Chance zum keimen und wachsen, weil in der landen Kinderzeit von den Rindern abgefressen werden. Die Touristen müssten also vom Valle des Cocora einige Kilometer weiter in den Wald gehen, um das richtige Ökosystem der Palma de Cera zu sehen. 

Eines der vielen Flussüberquerungen

Wir überqueren eine letzte Furt des Flusses Cardenas und kommen auf einen Fahrweg, der uns nach einigen hundert Metern zur Touristenattraktion „Valle de Cocora“ bringt. Wir kommen an den Eintrittskiosken vorbei, an dem man 30.000 Pesos Eintritt zahlen muss. Uns begegnen Familien wie aus dem Ei gepellt, ganz in weiß für einen Sonntagsausflug. Uns begegnen saubere Pferde mit schicken Reiterinnen darauf. Wir wirken mit schlammverschmierten Gummistiefeln und drei Tage ungewaschen deplatziert. Carlos erklärt uns, dass man das „Disneysierung des Tourismus“ nennt. 

Die Tour ist zu Ende, wir ziehen die Gummistiefel aus

Unsere Drei-Tage-Wanderung ist zu Ende. Wir ziehen die Gummistiefel aus und die normalen Wanderschuhe wieder an. Ein Taxi holt uns ab. Wir sind erschöpft aber glücklich, es geschafft zu haben. In Salento gehen wir mit Carlos noch in einem asiatischen Restaurant essen, dann verabschieden wir uns und fahren mit dem Taxi weiter zu unserer nächsten Station, nur 25km weiter: Filandia. 

Wanderung im Parque Nacional de Los Nevados 2. Tag

Finca Berlín, 3800m. Zehn Stunden geschlafen, durchgelegene Betten. Eigentlich hatte wir nicht damit gerechnet, dass wir uns diesen Morgen noch bewegen können. Überraschenderweise konnten wir wieder sprechen und uns bewegen. Also geht es weiter. 

Frühstück

Zum Frühstück gibt es Kartoffelsuppe, Rühreier und Bohnen. Maria schenkt mehrfach den Kaffee nach. Das junge Hamburger Pärchen, das mit uns auf dem Weg waren hatten schon wieder viel Energie, um den Paramillo de Quindió zu besteigen. Die Sonne scheint und der Himmel ist klar. Keiner weiß, warum die Finca nach der deutschen Hauptstadt benannt ist. 

Vor der Finca Berlín

Entspannt starten wir um 9 Uhr. Es geht das Tal bergan, und nachdem wir die Weiden für die Pferde und Kühe hinter uns gelassen haben, treffen wir wieder auf die Paramó-Pflanzen. Stetig geht es bergauf, den 4000m entgegen. Wir merken die dünne Luft. Wir sind wieder im Schnecken-Modus unterwegs. Mit der Höhe kommen auch die Vulkane in Sicht: Der Paramillo de Santa Isabel, der Paramillo de Quindió und später der Nevado del Tolima, mit 5215m eines der höchsten hier. Doch die Sicht wird mit zunehmenden Vormittag durch aufziehende Wolken eingetrübt. Nur kurz werden die Gipfel zur Sicht freigegeben. 

Nevado de Tolima
Finca Berlín am Morgen

Wir erreichen den Pass mit 4250m Höhe. Von der anderen Seite kommen die kalten Wolken herübergezogen, und wir müssen die Jacken anziehen. Wir wandern abwärts an einer Felswand entlang durch den schönen Paramó.

Kurz bevor das Gewitter anfing

Im Tal donnert es, und ein Gewitter zieht auf. Carlos gibt plötzlich das Kommando: Regenzeug raus! Wir ziehen die Regenhose und -jacke an, darüber kommt noch der gelbe Regenponcho. Gerade haben wir alles an, fängt der Regen an, und Hagel ist mit dabei. Carlos zieht das Tempo an, obwohl wir wieder die Beine vom Vortag spüren. Im Regen geht es hinab in das Tal des Corora, beim Abstieg verlassen wir den Paramó und die Bergvegetation beginnt. Es bleibt sehr matschig, so dass jeder Schritt genau kalkuliert werden muss. 

Blick von der Finca Buenos Aires auf den Paramillo de Quindó

Wir erreichen die Finca Buenos Aires, wo es Mittagessen (Almuerzo) geben soll. Unser Schnecken-Team ist etwas langsam, so ist es schon fast 15 Uhr, als wir ankommen. In der winzigen Küche, in der man kaum aufrecht stehen kann, steht in der Mitte der über 100 Jahre alte Holzherd. Aber Hauptsache, wir bekommen etwas zu essen und einen Tee. Die Aussicht ist atemberaubend, grün so weit man schauen kann. 

Finca Buenos Aires

Die Fincas betreiben in dieser Höhe Viehzucht und bauen Kartoffeln an. Transportiert wird alles per Pferd, die Pferdeführer heißen „Arrieros“. Es scheint ein hartes Leben hier oben zu sein. Letztendlich ist der Besitzer der Finca Argentina durch die Bergführerausbildung wieder zurück in die Berge gekommen und hat den Hof seiner Großeltern übernommen. Eine staatliche Subvention für Berglandwirtschaft, wie es sie bei uns in den Alpen gibt, ist hier nicht vorhanden. Für einzelne Höfe sind die Wanderer ein Zubrot. Wie weit der Tourismus die Einkommen verbessern kann, scheint fraglich. Zumindest hat das Interesse der Kolumbianer am Wandern seit der Pandemie wohl deutlich zugenommen.

Unser Guide erzählt uns, dass in Kolumbien nur noch wenige junge Leute in der Landwirtschaft arbeiten wollen. Im Moment füllen die Lücke die Flüchtlinge aus Venezuela, die bereit sind, jede Arbeit anzunehmen. Die Hänge sind alle so steil, dass Maschinen kaum zum Einsatz kommen können. Es ist selten, dass wir mal einen Trecker sehen.

Finca Argentina

Zum Glück hört der Regen auf, als wir wieder aufbrechen. Es geht weiter bergab, Ziel ist die Finca Argentina. Mit jedem Meter Abstieg wird es wärmer. Die Finca Argentina liegt auf einem kleinen Vorsprung am steilen Berg auf 3450m. Eigentlich ist es hier unmöglich, eine waagerechte Fläche zu finden. Der Standard in der Finca ist wieder sub-basic, vor uns ist schon eine größere tschechische Gruppe angekommen. Die Schlafräume sind nicht beleuchtet, alles ist sehr beengt. Als die Sonne untergeht, wird es kalt, wir ziehen alles an, was wir haben und warten auf das warme Abendessen. Waschen fällt mal wieder aus, weil das einzige Waschbecken für 30 Leute herhalten muss und eher ein kleines Händewaschbecken ist. 

Vor dem Essen noch etwas „Fest und Flauschig“ hören

Aber die Kartoffelsuppe gibt etwas Wärme. Wir unterhalten uns nett mit einem Schweizer Paar, und länger nach dem Dunkelwerden kommt das junge Paar von der Gipfelbesteigung zur Tür herein. Sie sind ordentlich durchnässt. Nach dem Essen geht es gleich ins Bett, die Stirnlampe weist und den Weg. 

Wanderung im Parque Nacional de Los Nevados, Tag 1

Wandern zwischen 3400 und 4200m Höhe an den Füßen von mehreren Vulkanen. Diese Wanderung war eines unserer Ziele auf der Kolumbienreise.

Der Wecker klingelt um 3.50 in Peireira. Unsere Sache sind neu gepackt, der Wanderrucksack mit Schlafsack und warmer Wanderkleidung, der Rest alles in die Reisetasche. Um 4.30 holt uns Carlos und sein Fahrer am Hotel ab. Bei strömenden Regen fahren wir durch die Nacht in Richtung Berge. Erst hört der Asphalt auf, dann wird der Weg immer steiler, aus der unbefestigten Straße wird ein steiniger Weg. Unbeleuchtete Maultiere mit Milchkannen kommen uns entgegen. Bis über 4000m Höhe dominiert die Viehwirtschaft? Große Weideflächen mit vereinzelten Rindern, nur wenig Wald ist erhalten. 

Es geht los auf knapp 4000m

Nach drei Stunden Fahrt erreichen wir Potosí, eine Berghütte am Rande des Nationalparks. Wir bekommen noch ein Frühstück, und jede Menge Zusatzgewicht. Ich war so stolz, knapp gepackt zu haben. Jede Menge Süßzeug und Knabberkram, Äpfel aus den USA, sowie Gummistiefel und ein dicker Regenponcho. 

Mit der üblichen Registrierung mit Reisepassnummer am Parkeingang wandern wir gemächlich nach oben. Wir starten auf 3900m Höhe, was die Schritte langsamer werden lässt. Nach einer Stunde erreichen wir einen Mirador mit Aussicht auf mehrere Wasserfälle und den Lago de Otun. Dann erreichen wir die berühmte Paramo-Landschaft, mit spezialisierten Palmen, die nur hier im Hochmoor wachsen. Jetzt wechseln wir auch unsere Wanderschuhe gegen die Gummisitefel. Wir werden sie die nächsten Tage nicht mehr ausziehen. 

Nach dem Mittag-Lunch mit Reis und Eiern wandern wir durch den Paramo und den Nebelschwaden, was eine geheimnisvolle Atmosphäre hervorruft. Der Name der stehenden Korbblüter, Freilejones, geht auf die spanischen Entdecker zurück, die in ihnen im Nebel einen „Kapuziner-Mönch“ sahen,  einen „Fraile capuchino“. 

Die Wolken werden immer dichter, und dann fängt es an zu regnen: Regenjacke an und die Regenhose raus aus dem Rucksack. Wir laufen unserem Guide Carlos hinterher, der Weg zieht sich immer länger. Es geht aber abwärts – im Bewusstsein, dass es am Ende noch wieder bergauf geht. So kommen wir an unseren tiefsten Punkt und müssen einen reißenden Fluss auf ein paar schmalen Planken überqueren. 

15km haben wir schon auf der Uhr, und jetzt kommt erst das dicke Ende. Noch 3km und noch 300m Aufstieg. Eigentlich sind wir schon mit den Kräften am Ende. Nach ein paar Kuh- und Pferdeweiden geht es in einer schmalen Rinne steil bergauf. Wir sind nur noch „dos caracoles“, zwei Schnecken auf dem Weg nach oben. Wir kommen nur noch langsam voran, jeder Schritt schmerzt und eigentlich müssten wir aufgeben. Aber das ist keine Option, denn weit und breit ist nichts. Also weiter langsamen Schrittes nach oben, wir feuern und gegenseitig an: „Wir schaffen das“.

Es dämmert, und das ist in diesen Breiten ein kurzes Vergnügen. Gerade rechtzeitig zum Abendrot treten wir aus der Rinne heraus und haben noch einen herrlichen Blick über das Cauca-Tal in Richtung Ost-Kollidiere und das Tatamà. Aber die Passhöhe ist noch immer nicht erreicht. Jetzt geht es im letzten Abendlicht wieder von Grasssode zu Grasbüschel im schlammigen Hochmoor Carlos gibt die Stirnlampen aus, nachdem wir die Passhöhe erreicht haben. Wir erblicken die „Finca Berlin“, unser Ziel. Aber es ist noch ein glitschiger Abstieg in der Dunkelheit. Wir sind mit den Kräften am Ende. 

Völlig erschöpft torkeln wir in die Finca, begrüßt von laut bellenden Schäferhunden. Wir können kaum noch sprechen, schaffen es gerade noch, die Gummistiefel und die Regenklamotten auszuziehen. Nach dem Essen fallen wir gleich ins Bett. Die Unterkunft ist sehr einfach, aber dqs ist uns zu diesem Zeitpunkt egal: Wir sind einfach zu kaputt. Ob wir uns bis morgen regenerieren können? Hoffentlich können wir schlafen auf 3811m Höhe. 

San Rafael – Tatamá, Westkoordillere

Heute bin ich auf die Wanderung zu  den „Füßen des Tatamá“ – Nationalparks gegangen. Während ich den glitschigen Pfad hinter meinen Führer her ging, habe ich mich an das Buch von Alexander von Humboldt erinnert, das ich gestern zuende gelesen habe. 

Die Autorin Andrea Wulf hat ihren Epilog auf das zuvor geschriebene mit den Worten beendet: „Man schützt nur das, was man liebt“. An diese Worte musste ich beim matschigen Aufstieg durch den tropischen Regenwald am Tatamá-Regenwald an der Westkollodiere der Anden denken.

Sie hat gefragt, was an Humboldt heute noch aktuell sei? Er hat sich als Gesamt-Gelehrter gesehen, der die großen Zusammenhänge gesucht und beschrieben hat. Er hat die Zusammenhänge der Natur global beschrieben, aber auch die Zusammenhänge in der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Und darüber hinaus auch noch die emotionale Beziehung des Menschen zur Natur, inspiriert von Goethe. 

Die Wissenschaft ist einen anderen Weg gegangen. Sie hat sich in immer ausdifferenziertere Fachdisziplinen aufgeteilt, sich von anderen abgegrenzt. Das Emotionale wurde ganz aus der Wissenschaft verbannt. 

Die aktuelle menschengemachte Klimakrise verlangt jetzt allerdings wieder ein vernetztes Denken. Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen müssen zusammenarbeiten, um das komplexe System Klima zu bearbeiten. Ob nicht auch wieder mehr Emotionalität und Leidenschaft nötig ist?

Die These scheint richtig zu sein, man schützt nur das, was man liebt. 

Mit Humboldt durch Kolumbien – Salamina und Marsella

Als Geograf muss mich natürlich Alexander von Humboldt auf der Reise durch Kolumbien begleiten und das Buch von Andrea Wulf, Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, ist für diese Reise dabei. Heute sind wir in Marsella durch den Parque Natural Alejandro de Humboldt gewandert, einem liebevoll angelegten tropischen botanischen Garten. Natürlich wurden wir am Eingang darauf angesprochen, dass der Park nach einem Deutschen benannt ist. 

Neben Simón Bolívar ist Alexander von Humboldt eine der meist erwähnten Persönlichkeiten in Kolumbien. Jeder zweite Park oder Platz heißt nach Bolívar oder Humboldt. Beide trafen sich Anfang des 19. Jahrhunderts, nach Humboldts Amerikareise, in Paris und Rom, wobei Humboldt mit Bolívar die Möglichkeiten einer Revolution in Lateinamerika und die Befreiung vom spanischen Kolonialismus diskutierte. Humboldt verfolgte interessiert den langen, sehr blutigen Befreiungskampf unter der Führung von Bolivar in Venezuela und Kolumbien, der erst nach 20 Jahren erfolgreich war, aber Bolívar entgegen seiner ursprünglichen liberalen Ideen zu einem Diktator machte. Der Name ist trotzdem im Staats-Namen ‘Bolivien’ festgehalten. 

Vor Marsella waren wir in Salamina, auf 1800m Höhe am Osthang der Zentralkollidiere der Anden. Zwar werden die Berge intensiv mit Kaffee-, Bananen und Kartoffelanbau bewirtschaftet, aber wenn man in die naturbelassenen Wälder kommt, steht man einer grünen Mauer gegenüber. Wenn wir auf einem Pfad durch diesen Wald gehen können, wie wir es im Valle de Sanmaria in der Nähe von Salamina gemacht haben, kann man die Begeisterung, die Humboldt für diese Natur beschreibt, nachvollziehen. 

Diese wahnsinnige Vielfalt und Diversität von Pflanzen und Tieren (die wir aber meist nicht zu Gesicht bekommen haben), hatte Humboldt zu einer neuen Betrachtung der Natur angeregt. Während zu Humboldts Zeiten die Idee einer gottgeschaffenen Natur vorherrschte, in der alles seinen gottgegebenen Platz hat, legte Humboldt die Grundlage für die Idee einer Natur, die sich dynamisch verändert und in der die einzelnen Elemente aufeinander bezogen sind. Das war die Grundidee für unsere heutige Vorstellung von Ökosystemen. Er war auch der Erste, der den naturzerstörerischen Einfluss der Menschen auf die Natur erkannte und anprangerte. Die Maxime von Humboldt war: „Alles hängt mit allem zusammen“.

Mit diesen Gedanken im Kopf wandere ich mit Kathrin durch den tropischen Wald Kolumbiens. Wir bewundern im Valle Samaria die ‚Palmas de Cera‘ (Wachspalme), bis zu 60m hohe, einzeln stehende, sehr alte Palmen. Sie sind der Nationalbaum Kolumbiens und sehr gefährdet. Sie existieren nur noch an wenigen Orten in Kolumbien als auch weltweit. Die Palmenblätter wurden sehr stark für die Osterfeierlichkeiten abgeerntet und das Wachs der Rinde abgeschabt, was ihre Gefährdung vorangetrieben hat. 

Valle de Samaria, Palma de Cera

Aber auch die ausweitende Viehwirtschaft gefährdet die Palma de Cera: Die langsam wachsenden Keimlinge der Palme werden von den Kühen abgefressen. Wie auf dem Bild zu sehen, sind große Teile der Berge in Weidegebiete verwandelt worden. Die Palma des Cera gedeiht nur noch in Schutzgebieten. 

Salamina

Wir waren 3 Tage in Salamina. Die kleine Stadt mir 20.000 Einwohnern liegt beschaulich auf einem Bergrücken zwischen zwei tiefen Täler. Wir hatten einen beeindruckenden Blick aus dem Zimmer im Hotel Colonial in die Berge. 

Wir hangelten uns von Café zu Café, streiften durch die Umgebung der Stadt. Wir mussten aber feststellen, das viele auf Openstreetmaps verzeichnete Wege gar nicht existierten, was uns zu abenteuerlichen Ausweichstrecken über steile Wiesen und glitschige Hänge zwang. 

Eine Herausforderung war auch das Essen: Ein Restaurant zu finden, das auch ein fleischloses Essen anbietet, war fast unmöglich. Deshalb mussten wir auch auf landesuntypische Speisen wie Pizza zurückgreifen. 

Morgens gibt es meist einen Arepa mit weißem Käse. Arepas sind einen Maisflade, die etwas dicker als Tortillas sind und aufgeschnitten und gefüllt werden können. 

Obwohl wir in der Kaffeezone unterwegs sind, ist es überraschend, wie oft es Nescafé gibt. Nur in richtigen Cafés gibt es gefilterten oder über eine Kaffeemaschine gepressten Kaffee aus schönen alten Maschinen. 

Der Transport in der Kaffeeregion wird über die Nachfolger nordamerikanischer Jeeps erledigt, egal ob sie mit Menschen, Kaffeesäcke oder Bananenstauden vollgestopft werden. Nach dem zweiten Weltkrieg kamen die vielen Jeeps der US-Armee, die nicht mehr gebraucht wurden, nach Kolumbien. Die geländegängigen und rubusten Fahrzeuge passten gut in die steilen und rumpeligen Straßen der Anden. Deshalb fahren auch heute noch die ‚Willys‘ als Universalverkehrsmittel durch die Kaffeezone. 

Willy

Medellin, Stadt des ewigen Frühlings 

Für mich war es eher die Stadt des ewigen Lärms. 

Botero an der Hauswand

Nach der Stille des Pazifiks, ohne Autos und Menschenmassen, war Medellin ein Schock. Ein kurzer Flug von 40 Minuten bringt uns zum familiären Flughafen Olaya Herrera.

Rein in die prallvolle Metro an der Station Poblada, wieder raus ins Getümmel des Parque Berrio. Wir flüchten uns die die Parroquia Nuestra Señora de la Candelaria, um die Ruhe der Kirche zu genießen. Sie ist überraschend voll an einem normalen Nachmittag, viele Menschen beten. Dann schlängeln wir uns durch die Fußgängerzonen, die durch die fliegenden Händler vollgestopft wirken. 

Über den Plaza Botero, auf dem viele Plastiken des berühmten Künstlers mit den dicken Menschen und Tieren stehen, den Palacio de Cultura, von dessen Aussichtsplattform wir über die Stadt schauen, den Parque Bolivar, wo sich viele Drogenabhängige tummeln, durch die Fußgängerzone Carretera 49, zum Parque de las Luces – jetzt wird es langsam dunkel, und wir sind platt vom Asphaltttreten. Schön ist es nicht, das Zentrum von Medellin. Historische Bauten oder schöne Architektur sind kaum zu finden. 

Zurück in unserem Hostel, das in einer stillen Sackgasse im Stadtteil Poblado liegt, ist es doch nicht so still. Der Stadtteil hat viele Restaurants und Kneipen, und die die Autos der Besucher parken auf dem Parkplatz am Ende der Sackgasse. Die Ohrstöpsel müssen nachts immer tiefer geschoben werden. 

Medellin mit seinen ca. 2,5 Millionen Einwohnern liegt in einem Tal, dass schon lange zu eng geworden ist. Die Backstein-Wohnviertel ziehen sich deshalb an allen steilen Hängen hoch, wie in einem Amphitheater. Auch viele Wohn-Hochäuser sollen Wohnungen schaffen. Medellin hat eine starke Bevölkerungszunahme durch die Landvertreibungen der Campesinos durch die Todesschwadronen während des Bürgerkriegs in den 80er und 90er Jahren erlebt. Kolumbien hat mehr als 6 Millionen Binnenflüchtlinge, die vor der Gewalt flüchten mussten. 

Das Museo de Memoria, das wir am folgenden Tag besuchen, will die Jahre der Gewalt, bis zum Friedensschluss zwischen der Guerilla und dem Staat 2016, aufarbeiten. In einer tollen Ausstellung werden die verschiedenen Akteure, Aspekte und Ereignisse beleuchtet. Medellin hat nach den letzten Gewaltexzessen durch die Armee und die Todesschwadronen Anfang der Nullerjahre eine beeindruckende Transformation geschafft. 

Durch die tödlichen Razzien in der Comuna 13 war offensichtlich das Rad der Gewalt überdreht, dass sich bei den Politikern eine Bewusstseinswandel eingestellt hat. Der Fokus wurde stärker auf die Sozialpolitik und die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Armenvierteln gelegt. In der berüchtigten Comuna 13 wurde in Kultur, Kunst und Infrastruktur investiert. Berühmt als Symbol für diesen Prozess sind die Rolltreppen in den Armenvierteln und die Seilbahnen, die den Transport in den steilen Armenvierteln deutlich verbesserten. 

Parque Avia

Wir haben noch kurz vor unserer Abreise die Netflix-Serie „Narcos“ angeschaut und uns deshalb gegen eine Stadtführung durch die Comuna 13 entschieden – zu präsent waren noch die Bilder von der Gewalt in der Serie. Stattdessen haben wir uns für eine lange Seilbahnfahrt zum Parque Arvi entschieden, um etwas zu wandern. Man konnte mit der Seilbahn auf die Berge auf ca, 2200m hochfahren und einen einzigartigen Rundweg durch den Naturwald gehen.Leider haben wir nicht soviele Vögel gesehen, wie erhofft. Der Rundweg war auf jeden Fall eine schöne Alternative zur Hektik der Stadt. 

Überall wird in Medellin für die gemeinsame Identität und den Stolz auf die Stadt geworben. Einen Teil der stärkeren Fokussierung auf die Sozialpolitik sind kostenfreie Sportanlagen. Wir habe das Schwimmbad der Liga de Natacion de Antioquia ausprobiert. Mit einem Ausweis und einer Badekappe kann man kostenlos schwimmen. Alle Stunde wird ein Kontingent neuer Schwimmer eingelassen. Alles ist einfach aber sauber. 

Die restliche Zeit verbringen wir mit Kaffeetrinken am Plaza Boltero, wo die Menschen zwischen den dicken Plastiken flanieren. Im Laboratorio del Café im Museo de Antioquia kann man sich die Bohnen aus dicken Gläsern aussuchen und sie dann mahlen und filtern lassen. Serviert wird der Kaffee dann in einem Erlmayerkolben. Sehr lecker. 

Am nächsten Morgen fahren wir vom Terminal de Sur in einem kleinen Minibus aus der Stadt. Es geht nur langsam voran im Stau. Durch offene Tür dringt der Abgasgestank hinein. Nach etwa einer Stunde verlassen wir die Metropole, die Straße wird zweispurig und schlängelt sich kontinuierlich in die Berge hinauf. Wir fahren in Richtung Salamina in der Kaffee-Region. 

Región Pácifico

Jetzt muss ich getreu dem Titel mal auf Geograf machen: 

Wir sind in Nuquí in der Provinz Chocó am Pazifik. Sie liegt in den Tropen und ist weit von tropischen Regenwald bedeckt. Es ist eine der regenreichsten Räume der Erde, mit 7.000 – lokal 10.000mm Niederschlag (zum Vergleich Hamburg: 770mm). Sie ist damit auch eine Region mit einer enormen Biodiversität. An mehr als 300 Tagen im Jahr regnet es. 

Bei unserem Bootsausflug in den Utriá-Nationalpark konnten wir auf einem angelegten Exkursionspfad die Vielfalt der Mangroven sehen, die in der Zone der sehr starken Tide liegt. Leider haben wir von den 270 Vogelarten, 140 Froschlurch-Arten und 70 Reptilienarten nur wenige gesehen. Aber ein Affe hat sich uns gezeigt. Leider war der Weg viel zu kurz, wir wären gerne noch weiter durch den Urwald gezogen. Ohne angelegten Weg ist der Wald allerdings undurchdringlich. In der Zeit von Juli bis Oktober kommen die Buckelwale in die warmen Gewässer vor der kolumbianischen Pazifikküste, um ihren Nachwuchs zu gebären. In dieser Zeit kann man die Wale auch vom Strand her beobachten. 

Die Provinz Chocó ist vom Hochland Kolumbiens sehr isoliert. Nach Nuquí kommt man nur mit dem Flugzeug, oder in langsamen 24 Stunden mit einem Frachtschiff von Buenaventura, der einzigen Stadt mit Straßenanschluss an der Pazifikküste. 

Dadurch ist die Wirtschaft in dieser Provinz sehr regional aufgestellt, es dominieren Fischfang und Holzwirtschaft. Aber auch Minen für Gold und Platinium spielen eine wichtige Rolle, auch wenn die Wertschöpfung der Minen nicht den Bewohnern zugute kommt. Im Gegenteil: Die Minen sind immer wieder Grund für Konflikte zwischen den indigenen Menschen, denen das Land gehört, und den Minenbesitzern. So ist die Präsenz von Polizei und Militär hoch: Als ich eben durch die Hauptstraße von Nuquí ging, kam mir ein ganzer Trupp von Soldaten mit Maschinenpistolen im Anschlag entgegen. In Nuquí und in Puerto Solano spielt auch der Tourismus eine zunehmende wirtschaftliche Rolle. 

Durch die vorwiegend regionalen wirtschaftlichen Aktivitäten lebt die Mehrzahl der Menschen in Nuquí an der Armutsgrenze. In Nuquí sind die Häuser sehr einfach, meist sind sie noch eine Baustelle. Verputzte Wände sind ein Luxus. Man lebt meist auf der Straße, auch weil es keine Autos gibt. 

Der Chocó wird vorwiegend von afro-kolumbianischen Menschen bewohnt. Zweitgrößte Bevölkerungsgruppe sind die indigenen Embera, von denen viele in geschützten Dörfern an der Küste und an Flüssen leben. 

Das ganze Jahr über liegen die Höchsttemperaturen um 28-30°. Das Leben zeigt sich dadurch für uns viel, viel langsamer, als wir es aus Deutschland gewohnt sind. Wir brauchten einige Tage, um uns an diesen Rhythmus anzupassen. Wenn ich durch die Straßen gehen, habe ich immer das Gefühl, hier gibt es etwas zu tun. Wir bleiben eine Woche in Nuquí, vielleicht ändert sich der Blick mit der Zeit. 

Leider ist auch der Müll ein Thema hier: Zwar hängen viele Schilder und Plakate herum, die darauf hinweisen, keinen Müll zu produzieren, aber der Mentalitätswechsel ist sicher langwierig. Die freundlichen Damen von der Stadtreinigung gegen sehr sorgfältig die Blätter von den Straßen, über den daneben liegenden Flaschen und Verpackungen sehen sie hinweg. Ein großes Ärgernis ist auch der Müll, der vom Meer her an den Strand gespült wird. Hier landet an den Stränden, was weit draußen von den Schiffen ins Meer gekippt wird. Das zunehmende Problem, dass das Meer als Müllkippe angesehen wird, ist hier deutlich am Strand zu sehen. 

https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/meere/meeresschutz/muellkippe-meer

Hier eine musikalische Impression aus Nuquí von der Band ChocQuibTown

Heute morgen sind wir zu einer Bootstour in Richtung Süden aufgebrochen, in Richtung Termales. Dort befinden sich warme Quellen, was den Geografen daran erinnert, dass wir uns an einer Plattengrenze befinden. An der Küste Südamerikas taucht die Nazca Platte unter die Südamerkanische Platte.

An diesen Plattengrenzen steigt oft heißes Magma auf und es kommt zu Erdbeben und Vulkanausbrüchen. Die ganze Andenkette ist durch diese Plattengrenze entstanden. 

https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCdamerikanische_Platte

Also, nach diesem kleinen Exkurs: Wir sitzen das zweite Mal in kurzer Zeit in ‚Heißen Töpfen‘, das erste Mal in Island bei ca. 10° Außentemperatur, heute mit 38° Wassertemperatur bei 29° Lufttemperatur. Trotzdem war es sehr angenehm, mitten im Urwald in einem warmen Becken zu sitzen. 

An der ‚Playa Gauchalito‘ sind wir einem Traumstrand begegnet. Ein von Felsen durchsetzter Strand, dahinter beginnt gleich der tropische Regenwald. Ein kleiner Steig führt an einem Wasserlauf direkt in ihn hinein. Ein Schild weist auf die ‚Cascada del Amor‘ hin. Der Wasserfall der Liebe, weil der Bach in einer Herzform fließt – sie sind romantisch, die Kolumbianer. 

Am Strand reihen sich Hütten und Lodges aneinander, aber im entspannten Abstand. Wir sind aber in der Nebensaison hier, man sieht nur selten einzelne Touristen. Das Mittagessen ist wieder sehr lecker im Weiler Jovi, aber wir bestellen vegetarisch, sonst bekommen wir noch einen Eiweisschock bei dem ganzen Fisch: morgens Fisch, abends Fisch, dann muss mittags mal das Gemüse ran. 

Als wir wieder in unser Hostel Escombros del Mar eintreffen, spielen auf dem Bildsschirm: Bayern München gegen Hoffenheim. Und St. Pauli ist immer noch 17.